Reinhard Klockow

 

 

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 Zum europäischen Türken- und Islambild

 

 

 

Arbeitsgebiete

Linguistik

Turcica

Philipp von Zesen

Varia

Bibliographie
chronologisch

Meine wichtigste Arbeit auf diesem Gebiet ist die Edition und Übersetzung des Türkentraktats des Georgius de Hungaria aus dem Ende des 15. Jahrhunderts:

Georgius de Hungaria. - Traktat über die Sitten, die Lebensverhältnisse und die Arglist der Türken. Nach der Erstausgabe von 1481 herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Reinhard Klockow. 420 Seiten. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 1993, 2.Aufl. 1994 (=Schriften zur Landeskunde Siebenbürgens 15). Reprint und e-book 2015.


Der Tractatus de moribus, condictionibus et nequicia Turcorum des aus Siebenbürgen stammenden Dominikaners Georgius de Hungaria ist nicht nur eine der wichtigsten Quellen über die Türkei des 15. Jahrhunderts, sondern zugleich ein aufschlussreiches autobiographisches Dokument aus dem Übergangsbereich von Mittelalter und Neuzeit und dem Spannungsfeld zwischen Islam und Christentum. Der Autor, der von 1438 bis 1458 als Sklave in der Türkei lebte und dort nach eigener Aussage fast zum Islam übergetreten wäre, versucht in diesem um 1480/81 entstandenen Traktat, die verwirrende Erfahrung der sittlichen Vorbildlichkeit der "Ungläubigen" zu erklären. Die unterschwellig fortbestehenden Widersprüche verleihen dem Werk seine eigentümliche Spannung. Die Ausgabe stützt sich auf den Erstdruck von 1481, bezieht aber die gesamte Überlieferung in die textkritischen Überlegungen ein. Die synoptisch gedruckte Übersetzung soll den Tractatus weiteren Leserkreisen zugänglich machen. Die umfangreiche Einleitung befasst sich in sieben Kapiteln mit der Biographie des Autors sowie mit inhaltlichen, überlieferungsgeschichtlichen, sprachlichen und textkritischen Fragen des Werks. Die Filiation sämtlicher Drucke und Handschriften des lateinischen Textes wird stemmatisch dargestellt, und auch die deutschen Bearbeitungen werden vollständig erfasst.

Diese Edition, von der nach kurzer Zeit eine zweite Auflage nötig wurde, hat in zahlreichen Rezensionen eine außerordentlich positive Aufnahme gefunden und ist inzwischen zu einem vielzitierten Standardwerk geworden. Nicht nur die Fachwelt nahm von der Neuerscheinung Notiz, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie durch Besprechungen und Interviews im Radio, in der Tagespresse und sogar im türkischen Fernsehen bekannt gemacht. Einige Auszüge aus den fachwissenschaftlichen Rezensionen:

- Ein "Schlüsseltext der europäischen Identitätsgeschichte" ... "ein signifikantes Beispiel der kulturbeschreibenden Sachliteratur" ... "Die Edition ist philologisch aufs sorgfältigste gearbeitet" ... " eine gut lesbare und vorlagengetreue deutsche Parallelübersetzung". (Wolfgang Neuber, Germanistik 35 (1994), 857f.
- "Überaus wichtig ist die fast 150 Seiten lange Einführung." ... Dem Editor "gelingt eine über bisheriges Wissen weit hinausführende Biographie des Autors und Auswertung seines Werkes". (Harald Zimmermann, Deutsches Archiv für die Erforschung des Mittelalters 50 (1994), 289.
- "... in souveräner Beherrschung des Stoffes" .... Die "Übersetzung ist ganz ausgezeichnet: Genauigkeit in der Erfassung des Sinns und der möglichst genauen Nachzeichnung syntaktisch-stilistischer Strukturen verbindet sich auf vorbildliche Weise mit guter Lesbarkeit". (Lothar Mundt, Daphnis 24 (1995), 173-179; nicht verschwiegen sei, dass Mundt auch einige – z.T. berechtigte – Einwände vorbringt.)
- "Dem hohen Quellenwert des Textes wird die von Reinhard Klockow veranstaltete zweisprachige Edition der Erstausgabe von 1481 in vorbildlicher Weise gerecht. Richtungweisende Ausführungen zur Rezeption des Werkes, zu den Textzeugen und ihren Abhängigkeitsverhältnissen und zur Sprache des Traktats sowie eine ausführliche Bibliographie machen aus der Edition ein umfangreiches und wertvolles Nachschlagewerk, das sich für Südosteuropahistoriker als ebenso unentbehrlich erweisen dürfte wie für Turkologen und Islamwissenschaftler." (Hansgerd Göckenjahn, Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 43 (1995), 595f.)
- "Mit Klockows Edition [...] ist nun eine denkbar günstige Forschungsbasis geschaffen".... (Nach Überprüfung am Inkunabel-Text:) "Man wird die Ausgabe als absolut zuverlässig zitieren dürfen." (Bernhard Jahn, Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 120 (1998), 161-165)
- "Zu diesem, schon 1994 in die 2. Auflage gegangenen Buch [...] kann man dem Autor nur gratulieren." (Günter Prinzing, Südost-Forschungen 58 (1999), 503f.)

 

Nur durch Zufall stieß ich Anfang 2018 im Internet auf einen (sehr teuren) Neudruck des lange vergriffenen und antiquarisch zu hohen Preisen gehandelten Buches. Auf Nachfrage bei Böhlau-Verlag ergab sich, dass es sich nicht um einen Raubdruck, sondern um einen offiziellen Nachdruck (mit neuer ISBN und neuem Cover) handelt, über den man mich, den Autor, nicht einmal informiert, geschweige denn konsultiert hatte. Ein Brief vom 22. November 2018 an den Programmleiter Jörn Laakmann blieb ohne Antwort – ein bedauerliches Symptom für den Niedergang der Verlagskultur in diesem Hause. Deshalb sei mein Brief hier eingefügt:

 

Sehr geehrter Herr Dr. Laakmann,

 

im Februar dieses Jahres habe ich mich in einem Brief an Sie gewandt, nachdem ich per Zufall im Internet entdeckt hatte, dass der 1993 von mir im Böhlau-Verleg edierte Tractatus de moribus ... Turcarum des Georgius de Hungaria neu erschienen ist. Ich hatte mich seinerzeit darüber gewundert, dass ich als Autor nicht einmal informiert worden war. Etwa gleichzeitig gab es einen Mail-Wechsel mit Frau Buchberger und Frau Gness, der damit endete, dass ich noch um etwas Geduld gebeten wurde (Mail von Frau Gness am 29.3.: Danke für Ihre Geduld ich werde sobald wie möglich mit einer Antwort auf Sie zu kommen). Diese Antwort steht nach mehr als einem halben Jahr immer noch aus.

Natürlich freue ich mich, dass mein Buch, das zu einem vielzitierten Standardwerk geworden ist – man braucht nur bei Google Klockow Georgius oder Klockow Tractatus einzugeben, um sich davon zu überzeugen – wieder auf dem Markt verfügbar ist. Was mich nicht freuen kann, ist der Umgang des Verlags mit dem Autor. Finanzielle Ansprüche habe ich, obwohl ich der Ausgangspunkt der Verwertungskette bin, vermutlich nicht – ich habe seinerzeit sogar die beiden Farbabbildungen selbst bezahlt. Aber ein Anspruch auf Information und Konsultation dürfte bei einem Verlag, der auf sich hält, doch nicht zu viel verlangt sein. Konkret:

- Ich hätte über die Neudruck- und e-book-Pläne informiert werden müssen.

- Man hätte mich fragen sollen, ob der Text unverändert nachgedruckt werden kann oder ob evtl. Korrekturbedarf besteht (ich hätte z.B. gern einen Übersetzungsfehler verbessert, auf den eine Rezension aufmerksam gemacht hat).

- Da das Buch in über zwanzig Jahren die Forschung beeinflusst und eine gewisse Wirkungsgeschichte entfaltet hat, wäre es sinnvoll gewesen, in einem Nachwort zur Neuauflage diese Entwicklung darzustellen.

- Und wenn im Verlag niemand auf solche verlegerisch sinnvollen Ideen gekommen ist: man hätte mir zumindest ein Belegexemplar des Neudrucks überlassen können.

 

So weit meine Anmerkungen zum Umgang mit Autoren. Ich werde diesen Brief auch als Mail an Frau Buchberger und Frau Gness schicken.

Mit freundlichen Grüßen R.K.

 

Im Zusammenhang mit der Arbeit an diesem Buch sind einige vorbereitende oder zusammenfassende Aufsätze entstanden:

- Die Erstausgabe des "Tractatus de moribus, condicionibus et nequitia Turcorum" des Georg von Ungarn. Prolegomena zu einer kritischen Ausgabe, in: Südost-Forschungen 46 (1987) 57-78.

- Theologie contra Erfahrung. Die Argumentationsstruktur des "Tractatus de moribus, condicionibus et nequitia Turcorum", in: Zeitschrift für Balkanologie 25 (1989) 60-75.

- Georg von Ungarn und die verführerische Vorbildlichkeit der Türken, in: Sievernich, Gereon und Hendrik Budde (Hg.), Europa und der Orient 800 - 1900, LeseBuch, Berlin (Berliner Festspiele) 1989, 43-46.

- Text-Recycling im lateinischen Mittelalter. Die Schrift "De captiuis christianis" von 1498, in: Barbe, Jean-Paul und Gunter Volz (Hg.), Mélanges offerts à J.Grange, Nantes (Publications de l'Université de Nantes) 1989, 177-187.

(Zeigt, dass diese Schrift weitgehend aus Zitaten aus dem "Tractatus" und Giovanni Nanni zusammenmontiert ist)

- Beutezüge im Zeichen des Kreuzes. Der venezianisch-päpstliche Überfall auf Smyrna im Herbst 1472, in: Ja muz ich sunder riuwe sin. Festschrift für Karl Stackmann zum 15. Februar 1990, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1990, 36-50.

(Behandelt, im Zusammenhang mit der Biographie des Georgius de Hungaria, den lateinischen Kriegsbericht des Coriolanus Cippico (Cepio) aus dem Jahre 1477. Text eines Vortrags in Izmir, der dort gut ankam, den ich aber besser nicht in dieser Form veröffentlicht hätte. Bitte vergessen!)

 

Und schließlich noch ein ganz neuer Fund, das erste authentische Testimonium zur Biographie des Georgius:

- Georgius de Hungaria alias Georgius Alemanus. Neues zur Biographie des Verfassers des Tractatus de moribus, condictionibus et nequicia Turcorum anlässlich seines 500. Todestages am 3. Juli 2002, in: Südost-Forschungen 61/62 (2002/2003) 77-81.

Im Liber notarum des Johannes Burckardus, des "Zeremonienmeisters" von Papst Alexander VI., findet sich eine Notiz über die aufsehenerregenden Umstände beim Tod eines römischen Dominikanerbruders namens Georgius Alemanus. Aus den beigegebenen Informationen ergibt sich, dass dieser Georgius niemand anderes sein kann als Georgius de Hungaria, der Verfasser der Tractatus. Das Attribut Alemanus deutet auf seine deutsche Nationalität, was die Siebenbürger Sachsen, die das immer behauptet haben, ohne es wirklich beweisen zu können, sehr freuen dürfte.

 

Eine zweite Edition aus dem Gebiet der Latino-Turcica - ebenfalls ein Gefangenenbericht, diesmal auf dem 16. Jahrhundert - trägt einen ganz anderen Charakter. Autor ist der Kroate Bartholomaeus Georgievic oder Georgievits (Bartol Djurdjevic oder Ðurđević - die Schreibungen des Namens sind sehr unterschiedlich), der seine Erlebnisse  in zahlreichen, in 16. Jh. weit verbreiteten Schriften über die Türken verarbeitete. Merkwürdigerweise überging er bei den Neuausgaben seinen autobiographischen Bericht von 1544, der jetzt zum ersten Mal wieder gedruckt wird:

Bartholomaeus Georgievic: De captivitate sua apud Turcas; Gefangen bei den Türken; Türkiye'de esir iken. Hrsg. von Reinhard Klockow und Monika Ebertowski, 168 S. Berlin: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch / Druckwerkstatt im Kreuzberg-Museum 2000.

Hier handelt es sich um eine bibliophile Kostbarkeit: Das Buch wurde im Handsatz in der Kreuzberger Museums-Druckerei gesetzt und mit handkolorierten Originalgraphiken von Hanefi Yeter illustriert. Es bietet den Text in drei Sprachen: in der originalen lateinischen Fassung sowie in deutscher und türkischer Übersetzung. Dabei wird eine raffinierte doppelte  Paralleldrucktechnik verwendet: Man kann das Buch von vorn und von hinten lesen; auf der einen Seite öffnet sich die lateinisch-deutsche Version, und wenn man das Buch umdreht, hat man die lateinisch-türkische Fassung. Beide Versionen treffen sich in der Mitte bei einer doppelseitigen Graphik von Hanefi Yeter, die ebenfalls von beiden Seiten betrachtet werden kann. Etwas für Liebhaber und Sammler oder für Leute, die ein sehr schönes Geschenk machen möchten. Die "Volksausgabe" ohne die Originalgraphiken ist längst vergriffen. Von der "Luxusausgabe" (100 nummerierte und signierte Exemplare im Schuber mit drei handkolorierten Graphiken) gibt es noch einige Exemplare zum Preis von 180 Euro. Sie sind am besten direkt über mich (Mainzer Str. 7, 10715 Berlin; Mail: s. "Kontakt") oder über meine Mitherausgeberin Monika Ebertowski zu beziehen.

Hans-Gert Roloff nannte das Buch "ein Muster für die mögliche Kombination von wissenschaftlich einwandfreier Edition mit modernen, leserbezogenen Accessoires" und wünschte es "in viele Hände" (Daphnis 30 (2001) 371).

Einzelheiten zu Buch und Illustrationen finden Sie hier.

Auch zu dieser Edition gibt es einen vorbereitenden Aufsatz:

Bartholomäus Georgievic oder die Verwandlung von Leben in Literatur, in: Daphnis, Zeitschrift für Mittlere Deutsche Literatur, 26 (1997) 1-32.

Darin versuche ich zu klären, warum Georgievic diese Schrift bei seinen späteren Publikationen überging: sie passte mit ihrem durchweg positiven Türkenbild nicht zu der gängigen Anti-Türkenpropaganda, der er später das Wort redete.

Schließlich noch der Hinweis auf einen Lexikonartikel über einen kroatischen Autor des 16. Jhs., ebenfalls in Zusammenhang mit den Latino-Turcica entstanden:

Andronicus, Tranquillus, in: Die Deutsche Literatur, Biographisches und bibliographisches Lexikon, Reihe II, Band 3, Stuttgart: Frommann-Holzboog 2001, 121-131.